October 13, 2026

Postaday

Tagesnotizen und Schmankerl auf dem Weg

Warum man anderswo beim Nudelessen schlürft

Ein Reiseessay über das Schlürfen in japanischen Nudelbars – warum es dort ein Kompliment ist und was man daraus über Höflichkeit lernen kann.
Comic-Illustration: helle japanische Nudelbar am Mittag, eine Reisende und ein Einheimischer schlürfen fröhlich Ramen, der Koch lacht hinter dem Tresen

Wer zum ersten Mal in Japan eine Nudelbar betritt, erlebt oft eine kleine Überraschung. Rundherum wird geschlürft, und zwar nicht verschämt, sondern laut und mit sichtbarem Vergnügen. Der Herr am Tresen, die Studentin am Fenster, der Koch, der kurz probiert – alle ziehen die Nudeln mit einem kräftigen Geräusch aus der Schale. Für viele Gäste aus Europa fühlt sich das zunächst an, als hätte jemand sämtliche Tischmanieren auf den Kopf gestellt.

Bei uns lernen Kinder früh, dass man beim Essen leise sein soll. Schmatzen und Schlürfen gelten als unhöflich, als Zeichen von Gier oder fehlender Erziehung. In Japan dagegen ist das Schlürfen bei Ramen, Soba oder Udon ganz selbstverständlich. Es zeigt, dass es schmeckt, und ist damit eine Art stilles Kompliment an den Koch, der hinter dem Tresen jede Reaktion aufmerksam verfolgt.

Mehr als nur eine Geräuschfrage

Dazu kommt ein ganz praktischer Grund. Die Brühe wird sehr heiß serviert, und die Nudeln sollen gegessen werden, solange sie noch Biss haben. Wer schlürft, zieht Luft mit hinein, kühlt jeden Bissen ein wenig ab und kann zügig essen, ohne sich den Mund zu verbrennen. Viele Liebhaber sagen außerdem, dass sich das Aroma der Suppe so besser entfaltet, weil Duft und Geschmack zusammen in den Mund gelangen.

Spannend ist, wie schnell man sich daran gewöhnt. Nach anfänglichem Zögern probieren die meisten Reisenden es selbst aus, erst vorsichtig, dann mutiger. Und plötzlich merkt man, wie befreiend es sein kann, einfach so zu essen, wie es sich gerade richtig anfühlt. Niemand schaut irritiert herüber, im Gegenteil: Ein zufriedenes Nicken vom Nachbarn ist gut möglich.

Wichtig ist allerdings, die Regel nicht falsch zu übertragen. Geschlürft wird bei Nudeln und Suppen, nicht bei jedem Gericht. Reis, Sushi oder Süßspeisen isst man auch in Japan eher leise. Und wer sich unsicher ist, beobachtet einfach die anderen Gäste – das ist ohnehin der beste Reiseführer.

Vielleicht ist es genau das, was solche Erfahrungen so wertvoll macht. Sie zeigen, dass Höflichkeit keine feste Größe ist, sondern von Ort zu Ort anders klingt. Was bei uns als Fauxpas gilt, ist anderswo ein Ausdruck von Freude und Respekt. Wer nach der Reise wieder zu Hause eine Suppe isst, denkt vielleicht kurz an den kleinen Tresen in Tokio – und lächelt, bevor er ganz brav leise löffelt.