Warum man anderswo so geduldig Schlange steht
Wer zum ersten Mal in London an einer Bushaltestelle steht, bemerkt es vielleicht nicht sofort. Die Menschen warten nicht einfach irgendwie, sie bilden eine Reihe. Ganz ohne Absperrband, ohne Schild, ohne Aufsicht. Wer neu dazukommt, stellt sich ans Ende, und wenn der Bus hält, steigt man in genau der Reihenfolge ein, in der man gekommen ist. Für viele Besucher ist das eine der ersten kleinen Überraschungen auf der Insel.
Das Schlangestehen, im Englischen „queueing“, gilt in Großbritannien fast als ungeschriebenes Gesetz. Man findet es vor der Bäckerei, am Postschalter, im Pub an der Theke und sogar vor einem Geldautomaten, wenn nur zwei Menschen da sind. Es ist so selbstverständlich, dass kaum jemand darüber spricht. Erst wenn jemand die Regel bricht, wird sie sichtbar.
Fairness ohne viele Worte
Hinter dem geordneten Warten steckt eine schlichte Idee: Wer zuerst da war, kommt zuerst dran. Niemand muss drängeln, niemand muss seine Ellenbogen einsetzen oder lauter sein als die anderen. Die Reihe schützt die Zurückhaltenden ebenso wie die Eiligen. Sie sorgt dafür, dass ein Alltagsmoment gerecht abläuft, auch wenn sich die Wartenden gar nicht kennen.
Interessant ist, wie leise diese Ordnung verteidigt wird. Drängelt sich jemand vor, gibt es selten einen Streit. Stattdessen folgt ein Räuspern, ein vielsagender Blick oder ein höfliches „Excuse me, I think the queue starts back there.“ Oft reicht schon das Gefühl, dass alle es gesehen haben. Die Missbilligung ist spürbar, aber sie bleibt freundlich.
Manche vermuten, dass die Gewohnheit in Zeiten des Mangels gewachsen ist, etwa während der Rationierung im Zweiten Weltkrieg, als geduldiges Anstehen für alle wichtig war. Andere sehen darin einfach einen Ausdruck britischer Höflichkeit und einer tiefen Abneigung gegen offene Konfrontation. Wahrscheinlich stimmt beides ein bisschen.
Für Reisende kann die Schlange sogar ein kleiner Ort der Begegnung sein. Man kommentiert gemeinsam das Wetter, seufzt über die Verspätung oder tauscht einen trockenen Witz aus. Die Reihe verbindet Fremde für ein paar Minuten zu einer stillen Gemeinschaft mit einem gemeinsamen Ziel: ankommen, ohne sich gegenseitig auf die Füße zu treten. Und wer einmal mitgemacht hat, versteht schnell, warum so viele Briten diese Ordnung insgeheim lieben.
Zurück zu Hause fällt einem dann auf, wie oft man selbst einfach in eine Lücke schlüpft oder an der Kasse ungeduldig nach vorne schielt. Vielleicht nimmt man von der Insel genau diese Haltung mit: ein wenig mehr Geduld und ein bisschen mehr Vertrauen darauf, dass jeder an die Reihe kommt.