October 8, 2026

Postaday

Tagesnotizen und Schmankerl auf dem Weg

Warum man anderswo dem Busfahrer beim Aussteigen dankt

Ein Reiseessay über das kleine Danke an den Busfahrer in Irland und anderswo – und warum ein einziges Wort eine Busfahrt menschlicher macht.
Comic-Illustration: heller Stadtbus in Dublin, eine Reisende mit Rucksack winkt beim Aussteigen dem lächelnden Busfahrer zu

Der Bus hält, die Tür zischt auf, und bevor die junge Frau mit dem Rucksack aussteigt, dreht sie sich noch einmal um. „Thanks a million!“, ruft sie dem Fahrer zu. Der nickt, lächelt, hebt kurz die Hand. Hinter ihr macht der ältere Herr es genauso, dann die Schülerin, dann ein Mann im Anzug. Wer zum ersten Mal in Dublin Bus fährt, staunt: Hier bedankt sich fast jeder beim Busfahrer.

In Irland ist das kein besonderer Akt der Höflichkeit, sondern schlicht normal. Ähnlich ist es in Schottland, in Teilen Englands, in Neuseeland und Australien. Man grüßt beim Einsteigen, man bedankt sich beim Aussteigen, auch wenn man an der hinteren Tür steht und der Fahrer einen kaum hört. Ein kurzes „Cheers, driver!“ quer durch den Bus gehört einfach dazu.

Was steckt hinter dem kleinen Dank?

Auf den ersten Blick ist es nur ein Wort. Doch es verändert etwas Grundsätzliches: Der Mensch am Steuer wird nicht als Teil der Maschine gesehen, sondern als jemand, der gerade eine Leistung erbracht hat. Er hat einen sicher durch den Verkehr gebracht, durch Regen, Baustellen und enge Kurven. Das Danke erkennt das an, ganz beiläufig und ohne große Geste.

Viele Fahrerinnen und Fahrer erzählen, dass genau diese kleinen Worte ihren Arbeitstag tragen. Ein Dienst im Stadtverkehr ist anstrengend, oft hektisch, manchmal unfreundlich. Wenn dann aber Dutzende Menschen am Tag „Danke“ sagen, entsteht eine Art stilles Band zwischen dem Fahrer und seinen Fahrgästen. Man ist nicht nur Kundschaft, man ist für ein paar Stationen eine kleine Gemeinschaft.

Ein Brauch, den man mitnehmen kann

In Deutschland steigt man meist wortlos aus, oft durch die hintere Tür, den Blick schon auf dem Handy. Unhöflich ist das nicht, eher eine Frage der Gewohnheit. Doch wer einmal in Irland oder Schottland unterwegs war, nimmt diesen Brauch nicht selten mit nach Hause. Und siehe da: Auch hierzulande lächeln viele Fahrer überrascht zurück, wenn man sich beim Aussteigen bedankt.

Vielleicht ist das die schönste Lehre dieser Reisebeobachtung. Manche Sitten anderer Länder sind kompliziert, andere brauchen Erklärung. Diese hier braucht nur ein einziges Wort und einen kurzen Blick nach vorn. Es kostet nichts, und es macht eine ganz gewöhnliche Busfahrt ein bisschen menschlicher.