Warum man anderswo am Mittag Siesta hält
Wer im Sommer durch eine kleine spanische Stadt schlendert, erlebt am frühen Nachmittag etwas Merkwürdiges. Eben noch waren die Gassen voller Stimmen, Lieferwagen und klappernder Kaffeetassen, und plötzlich wird es still. Fensterläden schließen sich, die Ladentüren sind zu, auf der Plaza döst ein älterer Herr unter einem Orangenbaum, und selbst die Katzen haben sich in den Schatten verzogen. Es ist Siesta.
Für viele Besucher aus dem Norden wirkt diese Pause zunächst wie ein Hindernis. Man wollte doch noch schnell Postkarten kaufen oder in die Apotheke. Doch wer ein paar Tage bleibt, beginnt zu verstehen, dass hinter der Mittagsruhe weit mehr steckt als Bequemlichkeit.
Warum eine Pause am Mittag so klug sein kann
Der Ursprung der Siesta ist ganz praktisch. In heißen Regionen ist die Mittagszeit die anstrengendste Phase des Tages. Wer auf dem Feld oder in der Werkstatt arbeitete, tat gut daran, die größte Hitze zu meiden, im Kühlen zu essen und kurz zu ruhen. Gearbeitet wurde dann wieder am späten Nachmittag und bis in den Abend hinein, wenn die Luft angenehmer wurde. Der Name stammt übrigens vom lateinischen „hora sexta“, der sechsten Stunde nach Sonnenaufgang.
Heute halten längst nicht mehr alle Spanierinnen und Spanier tatsächlich einen Mittagsschlaf. In den großen Städten haben sich die Arbeitszeiten angeglichen, und viele Büros arbeiten durch. Doch der Rhythmus des Tages ist geblieben: ein ausgiebiges Mittagessen, oft gemeinsam mit Familie oder Kollegen, ein später Abend, Abendessen nicht vor neun Uhr, und Straßen, die erst nach Sonnenuntergang richtig lebendig werden.
Was man von dieser Gewohnheit lernen kann, ist vor allem eine Haltung. Die Siesta erinnert daran, dass ein Tag nicht gleichmäßig durchgetaktet sein muss. Es ist in Ordnung, innezuhalten, wenn der Körper müde wird. Auch Schlafforscher betonen, dass ein kurzes Nickerchen von zwanzig Minuten die Konzentration und die Laune spürbar verbessern kann.
Für Reisende bedeutet das: Wer sich auf den Rhythmus einlässt, hat mehr vom Urlaub. Statt in der Mittagshitze durch verschlossene Gassen zu irren, legt man sich selbst eine Pause ein, liest im Schatten oder hört dem Brunnen auf der Plaza zu. Am Abend, wenn die Stadt wieder erwacht, ist man dann ausgeruht genug, um bis spät mit den Einheimischen draußen zu sitzen.
Vielleicht ist die Siesta deshalb eines der schönsten Mitbringsel aus Spanien. Man braucht dafür keinen Koffer, nur den Mut, sich auch zu Hause ab und zu eine kleine Ruhe am Mittag zu gönnen.