Warum man anderswo zur Begrüßung Wangenküsse verteilt
Wer zum ersten Mal in Frankreich Freunde von Freunden trifft, erlebt oft einen kurzen Moment der Verwirrung. Man streckt höflich die Hand aus, doch das Gegenüber beugt sich schon nach vorn, und plötzlich berühren sich Wangen. Links, rechts, manchmal noch einmal links. Die „Bise“, der Wangenkuss zur Begrüßung, gehört dort zum Alltag wie das Baguette unter dem Arm.
Dabei handelt es sich meist gar nicht um einen echten Kuss. Die Wangen streifen sich leicht, die Lippen formen ein kleines Geräusch in die Luft. Es ist eine Geste der Nähe, aber keine intime. Kolleginnen begrüßen sich so am Morgen, Nachbarn auf dem Markt, Jugendliche vor der Schule. Wer den Raum betritt, geht oft einmal reihum, und niemand findet das umständlich.
Wie viele Küsse dürfen es sein?
Die eigentliche Herausforderung beginnt bei der Zahl. In Paris sind es meist zwei, in manchen Gegenden im Süden drei, und in einzelnen Regionen erzählt man sich sogar von vier. Selbst Franzosen geraten ins Stolpern, wenn sie in eine andere Gegend reisen. Mit welcher Wange man anfängt, ist ebenfalls nicht überall gleich. So kommt es zu kleinen Zusammenstößen, bei denen beide lachen und noch einmal von vorn beginnen.
Auch in anderen Ländern ist der Wangenkuss verbreitet, etwa in Italien, Spanien, Belgien, auf dem Balkan oder in Lateinamerika. Jede Kultur hat ihre eigenen Feinheiten: Mal küssen sich nur Frauen untereinander, mal auch Männer, mal nur in der Familie. Wer unsicher ist, wartet am besten einen Augenblick und lässt das Gegenüber den ersten Schritt machen. Ein freundliches Lächeln überbrückt fast jede Unsicherheit, und wer offen sagt, dass er die Sitte noch nicht kennt, erntet meist herzliches Verständnis statt Stirnrunzeln.
Für Besucher aus Ländern mit festem Händedruck wirkt die Bise anfangs vielleicht zu nah. Doch nach ein paar Tagen merkt man, was sie bewirkt. Sie bremst den Moment der Begegnung ein wenig ab. Man schaut sich an, kommt sich kurz näher und signalisiert: Schön, dass du da bist. Ein Händedruck sagt oft „Guten Tag“, ein Wangenkuss eher „Wie geht es dir?“.
Wer von einer solchen Reise zurückkehrt, ertappt sich manchmal dabei, dass er sich zu Hause unwillkürlich nach vorn beugt. Dann lacht man, entschuldigt sich und reicht doch wieder die Hand. Aber ein bisschen von dieser Leichtigkeit bleibt hängen, und die Erinnerung an sonnige Begrüßungen auf einer Caféterrasse begleitet einen noch lange.