Die Wolldecke auf dem Sofa
Irgendwann im Oktober passiert es. Man kommt nach Hause, der Himmel ist schon etwas früher dunkel geworden, die Hände sind kühl vom Fahrradlenker, und ganz selbstverständlich greift man zu ihr: der Wolldecke auf dem Sofa. Den ganzen Sommer lag sie zusammengefaltet in der Ecke, kaum beachtet, manchmal sogar im Weg. Jetzt ist sie plötzlich der wichtigste Gegenstand im Wohnzimmer.
Es ist erstaunlich, wie viel so ein Stück Stoff verändern kann. Kaum hat man sich eingewickelt, wird der Atem ruhiger. Die Schultern sinken ein Stück nach unten. Der Tee in der Tasse dampft, draußen wirbeln gelbe Blätter am Fenster vorbei, und auf einmal fühlt sich der Abend nicht mehr wie das Ende eines langen Arbeitstages an, sondern wie ein kleiner Urlaub.
Ein Stück Geborgenheit zum Umhängen
Die Wolldecke ist ein ehrliches Möbelstück. Sie verspricht nichts, was sie nicht halten kann. Sie macht nicht produktiver, nicht klüger und nicht schöner. Sie macht einfach warm. Vielleicht liegt genau darin ihr Zauber. In einer Zeit, in der fast alles einen Zweck erfüllen soll, darf sie schlicht gemütlich sein.
Oft hat die Decke auch eine Geschichte. Manche wurde von einer Tante gestrickt, die jedes Jahr zu Weihnachten eine neue Farbe ausprobierte. Andere stammt aus einem Urlaub, aus einem kleinen Laden in Schottland oder von einem Markt in Südtirol. Wieder andere war ein Einzugsgeschenk von Freunden, die wussten, dass die neue Wohnung noch nicht ganz nach Zuhause riecht. Jedes Mal, wenn man sie über die Knie zieht, ist ein bisschen von diesen Menschen mit im Raum.
Dazu kommt, dass die Wolldecke selten allein bleibt. Die Katze findet sie innerhalb von Minuten und rollt sich am Fußende zusammen. Kinder bauen daraus Höhlen, Paare streiten liebevoll darüber, wer die größere Hälfte bekommt. Und wer Besuch hat, reicht sie als selbstverständliche Geste weiter: „Nimm ruhig, es ist frisch heute.“ Mehr Gastfreundschaft passt kaum in einen Satz.
Vielleicht ist die Wolldecke deshalb so etwas wie ein stiller Kalender. Sie zeigt an, dass sich die Jahreszeit gedreht hat und dass es in Ordnung ist, langsamer zu werden. Die langen Abende müssen nicht gefüllt werden. Man darf lesen, dösen, telefonieren oder einfach aus dem Fenster schauen.
Wer heute Abend nach Hause kommt, sollte also ruhig nach ihr greifen, ohne schlechtes Gewissen. Ein Tee, ein gutes Buch, die warme Wolle um die Schultern. Der Herbst kann manchmal grau sein. Unter der Decke ist er erstaunlich freundlich.