Warum man anderswo am Nachmittag Fika macht
Wer in Schweden ein paar Tage in einem Büro verbringt, erlebt am Nachmittag eine kleine Überraschung. Gegen drei Uhr stehen plötzlich alle auf, die Bildschirme bleiben stehen, und man trifft sich in der Küche. Es gibt Kaffee, meist ziemlich stark, und dazu Zimtschnecken, Kekse oder ein Stück Kuchen. Niemand wirkt gehetzt. Diese Pause hat einen Namen, und sie wird ernst genommen: Fika.
Das Wort lässt sich schwer übersetzen. „Kaffeepause“ trifft es nicht ganz, denn bei der Fika geht es weniger um das Getränk als um das Zusammensein. Man setzt sich hin, man redet, man lacht. Wer sein Getränk nur schnell am Schreibtisch hinunterkippt, hat zwar Kaffee getrunken, aber keine Fika gemacht. Für viele Schweden ist das ein echter Unterschied.
Eine Pause, die verbindet
Fika gehört so selbstverständlich zum Alltag, dass sie oft fest im Tagesablauf steht, im Büro genauso wie zu Hause. Freunde verabreden sich nicht „auf einen Kaffee“, sondern „zur Fika“. Das klingt nach mehr Zeit und nach mehr Gemütlichkeit. Und tatsächlich: Eine Fika dauert gern eine halbe Stunde, manchmal länger, und in dieser Zeit wird selten auf das Handy geschaut.
Interessant ist, wie sehr diese Gewohnheit die Stimmung in einer Gruppe prägt. Im Büro sitzt bei der Fika die Praktikantin neben der Abteilungsleiterin, und beide reden über das Wochenende, den neuen Film oder das Wetter. Hierarchien werden für ein paar Minuten weicher. Manche Probleme lösen sich bei Zimtschnecken schneller als in jedem Meeting, einfach weil man sich besser kennt und leichter fragen mag.
Dazu passt auch das Gebäck selbst. Die Kanelbulle, die schwedische Zimtschnecke, ist so beliebt, dass sie sogar einen eigenen Feiertag hat, den 4. Oktober. Duftend, leicht klebrig und mit Hagelzucker bestreut, ist sie das inoffizielle Symbol der Fika. Wer einmal in einem kleinen Café in Stockholm oder auf dem Land eine frische gegessen hat, versteht, warum.
Für Besucher aus Deutschland wirkt das zunächst fast verschwenderisch. Mitten am Tag eine halbe Stunde nur Kaffee und Kuchen? Doch wer es ausprobiert, merkt schnell, dass die Zeit nicht verloren ist. Man kehrt erfrischt an die Arbeit zurück, hat ein paar Kolleginnen und Kollegen besser kennengelernt und den Nachmittag in einer freundlicheren Stimmung begonnen.
Vielleicht lohnt es sich, ein bisschen Fika mit nach Hause zu nehmen. Es braucht dafür keine schwedische Küche, nur eine Verabredung mit sich selbst oder mit anderen: hinsetzen, Tasse in die Hand, Gebäck auf den Teller und für eine Weile einfach da sein.