November 8, 2026

Postaday

Tagesnotizen und Schmankerl auf dem Weg

Der Anruf am Sonntagvormittag

Ein Essay über den Sonntagsanruf bei Familie und Freunden – ein kleines Ritual ohne Tagesordnung, das Verbindungen pflegt.
Comic-Illustration: lächelnde Figur telefoniert im Sessel am Sonntagvormittag, Tee und Kuchen, klares Gesicht zum Betrachter, helles Herbstlicht

Es gibt Anrufe, die man nicht in den Kalender schreiben muss, weil sie längst im Kalender des Lebens stehen. Der Sonntagsanruf bei den Eltern, bei der Großmutter oder bei der alten Freundin aus Schulzeiten gehört dazu. Irgendwann zwischen dem späten Frühstück und dem ersten Spaziergang greift man zum Telefon, macht es sich im Sessel bequem und weiß ungefähr, wie das Gespräch beginnen wird: „Na, wie war deine Woche?“

Ein Ritual ohne Tagesordnung

Das Schöne an diesem Anruf ist, dass er keinen Zweck verfolgt. Es muss nichts geklärt, nichts beschlossen, nichts erledigt werden. Man erzählt vom Wetter, vom Nachbarn, der schon wieder Laub bläst, vom neuen Rezept, das nur halb gelungen ist. Am anderen Ende hört jemand zu, der diese Kleinigkeiten tatsächlich wissen will. Gerade weil sie so unbedeutend wirken, sagen sie viel: Ich bin noch da, mir geht es gut, ich denke an dich.

Unter der Woche fehlt dafür oft die Ruhe. Nachrichten werden zwischen Terminen getippt, Sprachnachrichten im Gehen aufgenommen. Der Sonntag dagegen schenkt eine Stunde, in der niemand auf die Uhr schauen muss. Der Tee wird kalt, das Stück Kuchen bleibt halb gegessen, und das ist völlig in Ordnung.

Die kleinen Wiederholungen

Wer seit Jahren sonntags anruft, kennt die festen Bestandteile. Die Frage, ob man genug isst. Der Hinweis, dass es draußen kalt wird und man eine Mütze tragen soll. Die Geschichte, die man schon dreimal gehört hat und trotzdem wieder anhört. Man könnte darüber schmunzeln, doch eigentlich sind diese Wiederholungen eine Art Geländer. Sie geben dem Gespräch Halt, so wie bekannte Lieder einem Abend Halt geben.

Manchmal überrascht der Anruf aber auch. Plötzlich erzählt jemand eine Erinnerung, die man noch nie gehört hat, oder fragt nach etwas, das einem selbst wichtig ist. Aus dem gewohnten Plaudern wird für ein paar Minuten ein echtes Gespräch.

Mehr als eine Gewohnheit

Natürlich gibt es Sonntage, an denen man keine Lust hat oder den Anruf vergisst. Dann klingelt das Telefon eben andersherum, und auf der anderen Seite fragt eine vertraute Stimme leicht besorgt, ob alles in Ordnung ist. Spätestens dann merkt man, dass dieses Ritual nicht nur einem selbst gehört.

Vielleicht ist der Sonntagsanruf deshalb so wertvoll: Er ist eine kleine, regelmäßige Bestätigung, dass Verbindungen gepflegt werden wollen. Nicht mit großen Gesten, sondern mit einer Stunde Zeit, einer Tasse Tee und der einfachen Frage, wie die Woche war. Wer heute noch nicht angerufen hat, hat übrigens noch den ganzen Nachmittag.