Warum man anderswo am Sonntag zum Dim Sum geht
In Hongkong beginnt der Sonntag für viele Familien nicht am eigenen Küchentisch, sondern in einem lauten, hellen Restaurant. Man geht „yum cha“, wörtlich „Tee trinken“. Gemeint ist aber weit mehr: ein ausgedehntes Frühstück oder Mittagessen mit Dim Sum, kleinen Häppchen aus Bambuskörbchen, die in Runden an den Tisch kommen. Wer einmal dabei war, versteht schnell, warum dieser Brauch so beliebt ist.
Der Tee zuerst
Bevor überhaupt gegessen wird, steht die Teekanne auf dem Tisch. Jasmintee, Pu-Erh oder Oolong, oft wählt die älteste Person am Tisch. Wer anderen nachschenkt, bekommt ein stilles Dankeschön: Viele tippen mit zwei oder drei Fingern leicht auf den Tisch. Die Geste soll auf eine alte Geschichte zurückgehen, in der sich Diener vor einem verkleideten Kaiser verneigen wollten, ohne ihn zu verraten. Heute ist sie einfach ein freundliches, wortloses Zeichen, das mitten im Trubel funktioniert.
Kleine Körbe, große Runde
Dann kommen die Dim Sum: Har Gow mit Garnelen in durchscheinendem Teig, Siu Mai mit Schweinefleisch, flaumige Char Siu Bao, gebratene Rettichkuchen, süße Eiertörtchen. Alles wird geteilt. Niemand bestellt nur für sich selbst, und genau darin liegt der Reiz. Der runde Tisch mit der Drehplatte sorgt dafür, dass jeder an jedes Körbchen kommt. Großeltern achten darauf, dass die Kinder genug bekommen, die Kinder greifen trotzdem zuerst nach den süßen Brötchen.
Früher fuhren Bedienungen mit Wagen durch die Säle und riefen aus, was sie gerade anboten. In vielen Lokalen kreuzt man heute auf einem Zettel an, doch die Atmosphäre ist geblieben: Stimmengewirr, klappernde Deckel, dampfende Körbe.
Zeit als eigentlicher Gang
Yum Cha hat keine Eile. Man bleibt oft zwei Stunden oder länger, liest nebenbei Zeitung, bespricht die Woche, plant Familienfeste. Wenn die Kanne leer ist, legt man den Deckel schräg auf, und kurz darauf wird heißes Wasser nachgefüllt. Es ist ein Essen, das Generationen zusammenbringt, gerade weil es so selbstverständlich wirkt.
Für Besucher aus Europa mag es zunächst chaotisch erscheinen. Doch hinter dem Lärm steckt eine schöne Idee: Der Sonntag gehört der Familie, und man feiert ihn nicht mit einem großen Braten, sondern mit vielen kleinen Dingen, die man teilt. Vielleicht ist das eine Anregung für den eigenen Sonntagstisch: weniger Teller für jeden, mehr Körbchen für alle.