October 5, 2026

Postaday

Tagesnotizen und Schmankerl auf dem Weg

Warum man anderswo abends einfach spazieren geht

Ein Reiseessay über die passeggiata und den paseo – den abendlichen Spaziergang ohne Ziel, der im Süden ganze Orte zusammenbringt.
Comic-Illustration: sonnige Altstadtgasse im Süden, Familien und Paare schlendern beim Abendspaziergang

Wer im Sommer oder Frühherbst durch eine kleine Stadt in Italien oder Spanien reist, erlebt gegen Abend ein erstaunliches Schauspiel. Kaum lässt die Hitze nach, füllen sich die Gassen und Plätze. Großeltern gehen Arm in Arm, Eltern schieben Kinderwagen, Jugendliche stehen in Grüppchen zusammen, Kinder laufen mit einem Eis voraus. Niemand scheint ein Ziel zu haben. Und genau darum geht es.

In Italien heißt dieses Ritual passeggiata, in Spanien paseo. Gemeint ist der abendliche Spaziergang, der nicht der Bewegung dient und auch nicht dem Einkaufen, sondern dem Sehen und Gesehenwerden. Man zieht sich ein wenig hübscher an, schlendert die Hauptstraße hinauf und wieder hinunter, bleibt hier stehen und dort, grüßt Bekannte und erfährt nebenbei, was es Neues im Ort gibt.

Warum geht man spazieren, ohne irgendwo hinzuwollen?

Für Reisende aus nördlicheren Ländern wirkt das zunächst fast rätselhaft. Bei uns hat ein Spaziergang meist einen Zweck: frische Luft, der Hund, die Verdauung nach dem Sonntagsbraten. Die passeggiata dagegen ist zweckfrei – und gerade dadurch so wertvoll. Sie ist eine Art öffentliches Wohnzimmer unter freiem Himmel, in dem die ganze Gemeinschaft für eine Stunde zusammenkommt.

Hier treffen sich die Generationen ganz selbstverständlich. Die alte Nachbarin erkundigt sich nach dem Studium des Enkels, zwei Väter fachsimpeln über Fußball, ein junges Paar zeigt sich zum ersten Mal gemeinsam auf dem Platz. Wer nicht kommt, wird vermisst. Wer kommt, gehört dazu.

Was man als Gast daraus mitnehmen kann

Am schönsten ist es, sich einfach einzureihen. Man muss nichts können und nichts kaufen. Es genügt, langsam zu gehen, sich umzusehen und den Menschen freundlich zuzunicken. Wer ein paar Abende hintereinander mitmacht, wird oft schon wiedererkannt – vom Mann am Kiosk, von der Familie mit den drei Kindern, von der Dame, die jeden Abend auf derselben Bank sitzt.

Dabei lernt man etwas über das Leben im Süden, das kein Reiseführer vollständig erklären kann: dass der öffentliche Raum nicht nur zum Durchqueren da ist, sondern zum Verweilen. Dass Zeit nicht immer genutzt werden muss, um wertvoll zu sein. Und dass Nachbarschaft entsteht, wenn man sich regelmäßig über den Weg läuft.

Vielleicht ist das die schönste Erinnerung, die man von einer solchen Reise mit nach Hause bringt. Nicht das Foto vom berühmten Dom, sondern das Gefühl, an einem warmen Abend unter Zitronenbäumen mitzuschlendern, inmitten von Menschen, die sich einfach freuen, einander zu sehen. Und wer weiß – vielleicht findet sich auch daheim ein Abend, an dem man ohne Ziel um den Block geht.