October 31, 2026

Postaday

Tagesnotizen und Schmankerl auf dem Weg

Die Türklingel am Halloweenabend

Ein Essay über die Türklingel am 31. Oktober: die Süßigkeitenschüssel im Flur, kleine Gespenster vor der Tür und ein Viertel, das für eine Stunde zusammenrückt.
Comic-Illustration: lächelnde Nachbarin mit Süßigkeitenschüssel an der Haustür, davor fröhlich verkleidete Kinder als Gespenst, Hexe und Kürbis

Am Abend des 31. Oktober bekommt die Türklingel eine neue Bedeutung. An gewöhnlichen Tagen kündigt sie den Paketboten an, die Nachbarin mit der geliehenen Leiter oder einen Freund, der zu früh dran ist. An Halloween aber klingelt es im Viertelstundentakt, und vor der Tür stehen kleine Gespenster, Hexen mit schiefem Hut und ein Kürbis, der eigentlich der Junge aus dem dritten Stock ist.

Die Schüssel neben der Tür

Wer mitmachen will, bereitet sich vor. Am Nachmittag wird eine große Schüssel mit Süßigkeiten gefüllt und griffbereit auf die Kommode im Flur gestellt. Manche zünden eine Kerze im ausgehöhlten Kürbis an, damit die Kinder wissen: Hier darf man klingeln. Es ist ein stilles Zeichen, das jeder versteht, ganz ohne Schild und ohne Einladung. Und die Frage, ob die Schüssel bis zum Abend reicht, beschäftigt einen mehr, als man zugeben würde.

Kleine Begegnungen an der Schwelle

Das Schöne an diesem Abend sind die kurzen Gespräche an der Tür. Ein Kind erklärt mit großem Ernst, dass es kein Vampir sei, sondern ein Fledermausprinz. Ein anderes bedankt sich dreimal, weil die Eltern im Hintergrund leise daran erinnern. Man lernt Nachbarskinder kennen, deren Namen man bisher nicht wusste, und Eltern, die man sonst nur flüchtig im Treppenhaus grüßt. Für ein paar Minuten wird die eigene Haustür zu einem Ort, an dem das Viertel zusammenkommt.

Ein Brauch, der noch jung ist

Bei uns ist Halloween keine alte Tradition. Viele Erwachsene erinnern sich, dass es in ihrer Kindheit kaum jemand kannte. Inzwischen gehört der Abend für viele Familien einfach dazu, neben Laternenumzug und Adventskranz. Man muss das nicht mögen, und niemand ist verpflichtet, die Tür zu öffnen. Aber wer es tut, erlebt oft etwas Überraschendes: Ein fremder Brauch wird zu einer sehr heimischen Gelegenheit, freundlich zueinander zu sein.

Wenn es still wird

Irgendwann gegen acht wird es ruhiger. Die letzten Gruppen ziehen mit raschelnden Tüten heim, die Kerze im Kürbis flackert nur noch schwach. In der Schüssel liegen ein paar übrig gebliebene Bonbons, meistens die mit dem Geschmack, den keiner wollte. Man setzt sich aufs Sofa und merkt, dass der Abend anders war als gedacht. Nicht gruselig, sondern warm. Die Türklingel hat an diesem Tag nicht gestört, sondern verbunden. Und vielleicht ist das die eigentliche Überraschung dieses Abends: dass ein paar Süßigkeiten genügen, um die Nachbarschaft für eine Stunde ein bisschen näher zusammenrücken zu lassen.