October 22, 2026

Postaday

Tagesnotizen und Schmankerl auf dem Weg

Warum man anderswo im Herbst Kastanien an der Straßenecke kauft

Ein Reiseessay über die gerösteten Kastanien in Lissabon – warum ein einfacher Straßenimbiss im Herbst ganze Städte verbindet.
Comic-Illustration: freundlicher Kastanienverkäufer reicht einer lächelnden jungen Frau eine Tüte gerösteter Kastanien in einer Lissabonner Altstadtgasse, gelbe Tram im Hintergrund

Wer im Oktober durch die Altstadt von Lissabon spaziert, riecht es, bevor er es sieht: einen süßlich-rauchigen Duft, der zwischen den gekachelten Fassaden hängt. An den Straßenecken stehen kleine Karren mit dampfenden Öfen, aus denen weißer Rauch steigt, als würde dort jemand eine winzige Lokomotive betreiben. Hier werden Kastanien geröstet, die Portugiesen nennen sie castanhas assadas. Und wer einmal eine Tüte davon in der Hand hatte, versteht schnell, warum dieses Ritual so geliebt wird.

Das Geschäft ist denkbar einfach. Der Verkäufer schaufelt die heißen Kastanien in eine Tüte aus Papier, oft aus alten Zeitungs- oder Telefonbuchseiten gefaltet, und reicht sie über den Karren. Man bezahlt ein paar Münzen, verbrennt sich beim ersten Schälen fast die Finger und lacht darüber. Die Schale ist leicht angekohlt, das Innere weich, mehlig und ein bisschen süß. Kein besonderes Gericht, und gerade deshalb so besonders.

Ein Ritual für alle

Bemerkenswert ist, wie selbstverständlich hier alle zusammenkommen. Schulkinder auf dem Heimweg, ältere Herren mit Schiebermütze, Touristinnen mit Stadtplan, Büroangestellte in der Mittagspause. Vor dem Karren sind alle gleich. Man wartet kurz, plaudert mit dem Verkäufer über das Wetter, und manchmal schenkt er einem Kind noch eine Kastanie extra. Es ist eine Form von Straßenkultur, die nichts Großes will und dennoch die Stadt verbindet.

Auch anderswo kennt man diese Tradition. In Wien stehen Maronibrater an den Ecken, in Italien werden caldarroste verkauft, in Frankreich marrons chauds. Überall dort, wo es Esskastanienbäume gibt, hat sich der Herbst seinen eigenen Imbiss geschaffen. In Portugal wird um den 11. November herum sogar ein Fest daraus, der Magusto, mit Kastanien, jungem Wein und Feuer im Freien.

Was wir davon lernen können

Vielleicht ist es das, was uns diese Tradition zeigt: Genuss muss nicht teuer oder kompliziert sein. Eine Handvoll gerösteter Früchte, ein bisschen Wärme in den Händen und ein kurzer Plausch an der Straßenecke reichen, um einen grauen Nachmittag freundlicher zu machen. Die Kastanie ist bescheiden, sie wächst einfach am Baum und fällt im Herbst herunter. Aber wer sie röstet und teilt, macht aus etwas Gewöhnlichem einen kleinen Moment der Gemeinschaft.

Wer also das nächste Mal in einer fremden Stadt den rauchigen Duft bemerkt, sollte stehen bleiben. Nicht nur wegen der Kastanien, sondern wegen des Augenblicks, in dem man für ein paar Münzen ein Stück vom Alltag der Menschen dort bekommt.