October 23, 2026

Postaday

Tagesnotizen und Schmankerl auf dem Weg

Warum man anderswo am Abend ohne Ziel spazieren geht

Ein Reiseessay über die italienische Passeggiata – den abendlichen Bummel, bei dem das Gehen selbst das Ziel ist.
Comic-Illustration: fröhliches älteres Paar und junge Familie mit Eis schlendern im Abendlicht durch eine italienische Altstadtgasse mit Brunnen

Kurz bevor in einer italienischen Kleinstadt die Sonne untergeht, passiert etwas Merkwürdiges. Die Straßen, die am Nachmittag wie ausgestorben wirkten, füllen sich plötzlich. Familien mit Kinderwagen, ältere Paare Arm in Arm, Jugendliche in kleinen Gruppen, alle schlendern langsam die Hauptstraße entlang, bis zur Piazza und wieder zurück. Ein Ziel hat niemand. Das Ziel ist das Gehen selbst. Die Italiener nennen es la passeggiata.

Für Besucher wirkt das zunächst rätselhaft. Wohin wollen die alle? Die Antwort lautet: nirgendwohin. Die Passeggiata ist kein Spaziergang zur Erholung und schon gar kein Fitnessprogramm. Man geht langsam, bleibt oft stehen, begrüßt Bekannte, tauscht ein paar Sätze aus und geht weiter. Es ist ein Ritual des Sehens und Gesehenwerdens, aber auf eine sehr freundliche Art.

Die Stadt als gemeinsames Wohnzimmer

Viele ziehen sich für den Abendbummel ein wenig hübscher an. Nicht übertrieben, aber ordentlich: ein frisches Hemd, ein schöner Schal, die guten Schuhe. Man zeigt sich der Nachbarschaft, und die Nachbarschaft zeigt sich einem selbst. Wer neu in der Stadt ist, wird hier schnell bekannt. Wer lange nicht gesehen wurde, wird gefragt, wie es geht. Die Hauptstraße verwandelt sich für eine Stunde in eine Art gemeinsames Wohnzimmer unter freiem Himmel.

Unterwegs gönnt man sich vielleicht ein Eis, auch im Oktober noch, oder einen kleinen Aperitif in der Bar an der Ecke. Kinder rennen vorweg, Großeltern erzählen Geschichten über die Häuser, an denen man vorbeigeht. Niemand hat es eilig. Das Handy bleibt meistens in der Tasche, denn wer auf den Bildschirm schaut, verpasst die Leute.

Ähnliche Rituale gibt es auch anderswo. In Spanien heißt der Abendbummel el paseo, in Griechenland volta. Überall ist die Idee dieselbe: Zwischen Arbeit und Abendessen nimmt man sich Zeit für die Gemeinschaft, ohne Verabredung, ohne Eintritt, ohne Programm.

Interessant ist auch, wie sehr die Passeggiata das Stadtbild prägt. Breite Gehwege, Bänke unter Platanen und kleine Läden, die bis zum Abend geöffnet haben, laden geradezu dazu ein. Die Stadt ist für Fußgänger gebaut, und die Fußgänger danken es ihr, indem sie sie jeden Abend mit Leben füllen.

Bei uns gehen viele nach Feierabend direkt nach Hause, schließen die Tür und sind für sich. Das hat seine Vorzüge. Doch vielleicht lohnt es sich, das italienische Vorbild hin und wieder auszuprobieren. Einfach eine Runde durchs Viertel drehen, langsamer als sonst, den Nachbarn grüßen, beim Bäcker ein paar Worte wechseln. Man kommt nirgendwo an, und genau darin liegt der Gewinn: Man kommt bei den Menschen an, mit denen man lebt.