Warum man anderswo im Herbst gemeinsam Kimchi einlegt
Wer im späten Herbst durch ein koreanisches Dorf oder auch durch einen Hinterhof in Seoul spaziert, sieht manchmal ein erstaunliches Bild: Berge von Chinakohl, große Schüsseln voller roter Paste, und mittendrin eine ganze Familie in bunten Gummihandschuhen. Es wird gelacht, gerufen, probiert. Was hier passiert, hat einen Namen: Kimjang, das gemeinsame Einlegen von Kimchi für den Winter.
Für Außenstehende wirkt das zunächst wie ein großer Kochtag. Doch Kimjang ist viel mehr als die Zubereitung eines Gerichts. Die UNESCO hat diese Tradition sogar als immaterielles Kulturerbe anerkannt, und zwar nicht wegen des Rezepts, sondern wegen dessen, was dabei zwischen den Menschen geschieht.
Vorrat als Gemeinschaftsprojekt
Ursprünglich war Kimjang schlicht eine Notwendigkeit. Im kalten koreanischen Winter wuchs kaum frisches Gemüse, also musste man im Herbst vorsorgen. Kohl wurde gesalzen, gewaschen und mit einer Mischung aus Chili, Knoblauch, Ingwer, Frühlingszwiebeln und oft etwas Fischsauce bestrichen. Danach kam alles in Tontöpfe, die man teilweise in der Erde vergrub, damit das Kimchi langsam fermentieren konnte.
Eine Familie allein hätte die Arbeit kaum geschafft. Deshalb halfen Nachbarn, Verwandte und Freundinnen einander reihum. Heute kommen viele Familien zu einem festen Wochenende zusammen, oft im Haus der Großeltern. Die Großmutter prüft, ob der Kohl richtig gesalzen ist, die Jüngeren reiben die Paste zwischen die Blätter, und die Kinder dürfen das erste Stück probieren, gern mit gekochtem Schweinefleisch und Reis.
Teilen ist Teil des Rezepts
Das Schönste am Kimjang ist, dass am Ende niemand nur für sich selbst gearbeitet hat. Ein Teil des Kimchis wandert an Nachbarn, an alleinstehende ältere Menschen oder an Familien, die gerade wenig haben. Viele Gemeinden und Vereine organisieren eigene Kimjang-Tage, bei denen Hunderte Freiwillige Kohl einlegen, um ihn anschließend zu verschenken.
Jede Familie hat dabei ihre eigene Variante. Ein bisschen mehr Chili hier, eine geriebene Birne dort, ein Geheimnis, das nur die Oma kennt. So wird das Kimchi zu einer Art Familienhandschrift, die von Generation zu Generation weitergegeben wird.
Was wir davon mitnehmen können
Natürlich muss niemand bei uns gleich fünfzig Kohlköpfe einlegen. Aber die Idee hinter Kimjang lässt sich leicht übertragen: eine Arbeit, die allein mühsam wäre, gemeinsam zu einem Fest zu machen. Das Marmeladekochen mit der Nachbarin, das Apfelpflücken mit der ganzen Familie, das Plätzchenbacken im Dezember gehören in dieselbe Familie von Ritualen.
Andere Länder, andere Sitten, und doch erzählt Kimjang etwas Universelles. Vorsorge für den Winter ist eben nicht nur eine Frage voller Vorratsgläser. Sie ist auch eine Frage voller Herzen, und die füllen sich am besten mit roten Händen, lauten Stimmen und Menschen, die zusammen am Tisch sitzen.