October 30, 2026

Postaday

Tagesnotizen und Schmankerl auf dem Weg

Warum man anderswo bei jedem Wetter Fahrrad fährt

Ein Essay über die niederländische Gelassenheit auf zwei Rädern: Radwege, bunte Regenjacken und die Erkenntnis, dass es kein schlechtes Wetter zum Radfahren gibt.
Comic-Illustration: lächelnde Frau in gelber Regenjacke mit winkendem Kind im Fahrradkorb und ein fröhlicher älterer Mann radeln an einer Gracht mit Herbstbäumen und Regenbogen

Wer zum ersten Mal an einem regnerischen Oktobermorgen durch Amsterdam, Utrecht oder Groningen läuft, staunt nicht schlecht. Es nieselt, der Wind pfeift über die Grachten, und trotzdem sind die Straßen voller Fahrräder. Schüler, Geschäftsleute im Anzug, Großväter mit Schiebermütze und Mütter mit zwei Kindern im Lastenrad: Sie alle radeln, als wäre das Wetter gar kein Thema. In den Niederlanden gilt ein einfacher Grundsatz: Es gibt kein schlechtes Wetter zum Radfahren, nur die falsche Jacke.

Ein Land, das flach und klug geplant ist

Natürlich hilft die Landschaft. Ohne nennenswerte Hügel ist das Fahrrad das naheliegende Verkehrsmittel. Doch die Liebe zum Rad ist nicht nur Geografie, sondern auch Entscheidung. Seit Jahrzehnten bauen niederländische Städte breite, getrennte Radwege, eigene Ampeln für Radfahrende und riesige Fahrradparkhäuser an den Bahnhöfen. Das Rad ist hier kein Hobby und kein Statement, sondern schlicht die bequemste Art, von A nach B zu kommen.

Regenkleidung als Alltagsmode

Wer jeden Tag fährt, rüstet sich entsprechend aus. Regenhosen, Ponchos in leuchtenden Farben und wasserdichte Taschen gehören zur Grundausstattung. Viele Niederländer lernen schon als Kinder, mit einer Hand den Lenker und mit der anderen einen Regenschirm zu halten, auch wenn das offiziell nicht empfohlen wird. Ein nasser Ärmel ist kein Grund zur Klage, sondern ein Teil des Tages. Im Büro hängt man die Jacke zum Trocknen auf, trinkt einen heißen Kaffee, und der Morgen geht weiter.

Gelassenheit auf zwei Rädern

Bemerkenswert ist vor allem die Haltung dahinter. Statt das Wetter als Gegner zu sehen, nimmt man es hin, wie es kommt. Diese Gelassenheit zeigt sich auch im Umgang miteinander: Man klingelt kurz, fährt zügig, aber ohne Hektik, und hält an der Ampel ein kleines Gespräch mit dem Nachbarn auf dem Rad nebenan. Kinder fahren früh allein zur Schule, ältere Menschen bleiben lange mobil. Das Fahrrad verbindet Generationen und macht die Stadt leiser und freundlicher.

Und dann gibt es diese Momente, die jeder kennt, der dort einmal gelebt hat: Der Regen hört plötzlich auf, die Sonne bricht durch, die nassen Pflastersteine glänzen, und manchmal spannt sich sogar ein Regenbogen über die Dächer. Wer jetzt im Auto sitzt, verpasst es. Wer auf dem Rad sitzt, ist mittendrin.

Was wir davon lernen können

Man muss nicht gleich das Auto verkaufen, um sich etwas von dieser niederländischen Haltung abzuschauen. Vielleicht reicht es, beim nächsten Nieselregen die Regenjacke anzuziehen und trotzdem loszufahren. Oft ist das Wetter draußen viel freundlicher, als es vom Fenster aus wirkt. Und das Gefühl, nass, aber zufrieden anzukommen, hat etwas erstaunlich Befreiendes.