October 27, 2026

Postaday

Tagesnotizen und Schmankerl auf dem Weg

Warum man anderswo vor Halloween einen Ring im Brot sucht

Ein Essay über das irische Barmbrack: ein Früchtebrot mit eingebackenem Ring, alte Samhain-Bräuche und ein Nachmittag voller Tee, Butter und Geschichten.
Comic-Illustration: fröhliche irische Familie am Küchentisch schneidet ein Rosinenbrot an, ein lachendes Mädchen hält einen kleinen Ring hoch, daneben eine geschnitzte Rübenlaterne und Äpfel

Wer Ende Oktober in Irland eine Bäckerei betritt, entdeckt in der Auslage ein rundes, dunkles Brot voller Rosinen und Sultaninen. Es heißt Barmbrack, auf Irisch „bairín breac“, was so viel bedeutet wie gesprenkelter Laib. Auf den ersten Blick ist es einfach ein süßes Früchtebrot. Doch in den Tagen vor Halloween wird es zu etwas Besonderem: Es ist ein Orakel, das man aufschneiden und essen kann.

Ein Ring im Teig

Der Brauch geht auf Samhain zurück, das alte keltische Fest am Übergang vom Sommer zum Winter. In dieser Nacht, so glaubte man, sei die Grenze zwischen den Welten besonders dünn, und ein Blick in die Zukunft sei leichter möglich als sonst. Also backte man kleine Gegenstände in das Brot ein. Wer beim Essen auf einen Ring biss, würde bald heiraten. Eine Münze versprach Wohlstand, ein Stückchen Stoff eher ein mageres Jahr, eine Erbse kündigte an, dass man vorerst ledig bliebe.

Heute enthalten die meisten gekauften Barmbracks nur noch einen kleinen Ring, sorgfältig in Papier gewickelt. Trotzdem ist die Spannung am Küchentisch groß, wenn das Brot angeschnitten wird. Jede Scheibe wird vorsichtig untersucht, Kinder kauen besonders langsam, und wer den Ring findet, hält ihn triumphierend in die Höhe. Ob jemand ernsthaft an die Prophezeiung glaubt, spielt dabei kaum eine Rolle.

Tee, Butter und Geschichten

Zu Hause backen viele Familien ihr Barmbrack selbst. Die Früchte werden am Abend vorher in kaltem schwarzem Tee eingeweicht, manchmal mit einem Schluck Whiskey, damit sie saftig werden. Am nächsten Tag kommen Mehl, Ei, Zucker und Gewürze hinzu. Gegessen wird das Brot in dicken Scheiben, gern leicht getoastet und großzügig mit Butter bestrichen, dazu eine Kanne Tee.

Rund um diesen Tisch passiert, was Halloween in Irland eigentlich ausmacht. Bevor es Kürbisse gab, schnitzte man dort Laternen aus Rüben. Man spielte Spiele mit Äpfeln, die in einer Wasserschüssel schwammen, und erzählte sich Geschichten von Geistern und Feen. Vieles davon ist mit den Auswanderern nach Amerika gereist und kehrt heute, bunter und lauter, nach Europa zurück. Das Barmbrack aber ist geblieben, was es immer war: ein bescheidenes Brot mit einem kleinen Geheimnis.

Was man davon mitnehmen kann

Vielleicht liegt der Reiz dieses Brauchs gerade in seiner Einfachheit. Es braucht kein Kostüm und keine große Party, nur einen Laib Brot, eine Familie und die Bereitschaft, ein wenig mit dem Zufall zu spielen. Der Ring im Teig macht aus einem gewöhnlichen Nachmittag einen gemeinsamen Moment, über den man noch lange lacht. Eine schöne Idee, die man auch anderswo ausprobieren könnte.