Der Rechen im Vorgarten
Es gibt im Herbst einen Moment, an dem man nicht mehr darum herumkommt. Der Rasen ist unter einer bunten Decke verschwunden, auf dem Gehweg rascheln die Blätter bei jedem Schritt, und irgendwann steht man mit dem Rechen in der Hand im Vorgarten. Laubharken gehört zu den kleinen Pflichten, über die man selten nachdenkt. Dabei steckt in dieser Arbeit mehr, als man auf den ersten Blick vermutet.
Eine Arbeit, die man sieht
Vieles, was wir im Alltag erledigen, hinterlässt keine sichtbare Spur. Eine beantwortete Mail verschwindet im Postfach, ein aufgeräumter Schreibtisch füllt sich bis zum Abend wieder. Beim Laubharken ist das anders. Nach einer Stunde liegt da ein ordentlicher Haufen, und dahinter zeigt sich wieder das Grün des Rasens. Man kann sich auf den Rechen stützen und das Ergebnis betrachten. Dieses einfache Gefühl, etwas geschafft zu haben, ist selten geworden und gerade deshalb wohltuend.
Natürlich weiß jeder, der schon einmal geharkt hat, dass der Wind ein eigenes Wort mitredet. Kaum ist der Haufen fertig, weht eine Böe die obersten Blätter wieder über den Weg. Und am nächsten Morgen sind neue gefallen. Laubharken lehrt also auch ein wenig Gelassenheit: Man macht seine Arbeit, so gut es geht, und akzeptiert, dass die Natur ihren eigenen Takt hat.
Ein Treffpunkt am Gartenzaun
Wer an einem sonnigen Samstag im Oktober durch eine Wohnstraße geht, hört überall das gleiche Geräusch: das Kratzen der Rechen auf dem Pflaster. Plötzlich sind alle draußen. Man grüßt die Nachbarin, die man sonst nur kurz an der Haustür sieht, wechselt ein paar Worte über das Wetter und die Bäume, die in diesem Jahr besonders früh dran waren. Manchmal hilft man sich gegenseitig mit der Schubkarre aus oder teilt sich den Weg zur Grünschnittsammlung.
Für Kinder ist der Laubhaufen ohnehin kein Ergebnis, sondern eine Einladung. Kaum ist er fertig, springen sie mit Anlauf hinein, werfen die Blätter in die Luft und lachen, wenn sie ihnen in die Haare fallen. Die Arbeit beginnt von vorn, aber kaum jemand ärgert sich wirklich darüber. Vielleicht erinnert man sich selbst daran, wie man früher genau das Gleiche getan hat.
Ein bisschen Laub darf bleiben
Inzwischen weiß man auch, dass nicht jedes Blatt weg muss. Unter Hecken und in Beetecken darf das Laub liegen bleiben, denn dort finden Igel, Käfer und viele kleine Tiere einen geschützten Platz für den Winter. Wer harkt, tut also gut daran, nicht allzu gründlich zu sein. Ein ordentlicher Weg und ein freier Rasen reichen völlig.
Am Ende des Nachmittags sind die Hände kalt, die Wangen rot und der Rücken ein wenig müde. Dann schmeckt der Tee in der warmen Küche doppelt so gut. Und während draußen das nächste Blatt leise auf den frisch geharkten Rasen segelt, weiß man: Das hier ist Herbst, ganz einfach und ganz alltäglich.