Die geschenkte Stunde am Sonntagmorgen
Heute Nacht ist etwas Seltsames passiert, und die meisten von uns haben es verschlafen. Um drei Uhr wurde es plötzlich wieder zwei. Eine ganze Stunde lag auf einmal ungefragt auf dem Tisch, wie ein Geschenk, das niemand bestellt hat. Die Zeitumstellung im Herbst ist eines der wenigen Ereignisse, bei denen uns der Kalender etwas zurückgibt, statt etwas zu nehmen.
Am Morgen danach beginnt ein kleines Ritual, das in vielen Haushalten ähnlich aussieht. Das Handy hat sich längst selbst umgestellt, der Laptop auch. Aber dann sind da die anderen Uhren: die am Backofen, die im Auto, der alte Wecker im Gästezimmer, die Küchenuhr mit dem leisen Ticken. Wer sie alle findet und richtig stellt, hat das Gefühl, den Haushalt einmal kurz durchgezählt zu haben.
Eine Stunde ohne Pflicht
Was macht man mit einer geschenkten Stunde? Die ehrliche Antwort lautet bei den meisten: länger schlafen. Und das ist auch völlig in Ordnung. Doch interessant ist, wie sich diese Stunde anfühlt. Sie gehört keinem Termin und keinem Plan. Sie ist einfach übrig. Manche nutzen sie für ein ausgiebiges Frühstück, andere für einen Spaziergang, bevor die Straßen voll werden, wieder andere sitzen einfach mit einer Tasse Kaffee am Fenster und schauen dem Licht zu.
Gerade dieses Nichtstun hat seinen eigenen Wert. Im Alltag ist jede Stunde verplant, zwischen Arbeit, Einkauf, Wäsche und Nachrichten. Die Extrastunde erinnert daran, dass Zeit nicht nur etwas ist, das man füllen muss. Sie kann auch einfach da sein.
Der Körper braucht ein paar Tage
Ganz so leicht macht es uns die Umstellung trotzdem nicht. In den Tagen danach wird man abends früher müde, der Hund will zur alten Zeit Gassi gehen, und die Kinder wachen hellwach auf, wenn es draußen noch dämmert. Nach ein paar Tagen hat sich der innere Takt meist angepasst. Hilfreich sind Tageslicht am Vormittag, ein Spaziergang in der Mittagspause und abends etwas weniger Bildschirm.
Gleichzeitig bringt die Winterzeit ein neues Lebensgefühl. Es wird früher dunkel, und plötzlich wirken Kerzen, Lampen und Decken wieder einladend. Die Abende werden länger und ruhiger, und viele merken erst jetzt, wie sehr sie diese gemütliche Jahreszeit eigentlich mögen.
Ein kleiner Neuanfang
Vielleicht ist die Zeitumstellung deshalb mehr als eine technische Angelegenheit. Sie markiert einen Übergang, so wie der erste Frost oder das erste Laub auf dem Gehweg. Wer am Sonntagmorgen die Küchenuhr zurückdreht, stellt nicht nur die Zeiger richtig, sondern auch sich selbst ein wenig neu ein: auf kürzere Tage, längere Abende und eine Jahreszeit, die zum Innehalten einlädt.
Und die geschenkte Stunde? Die darf man ruhig genießen, ohne schlechtes Gewissen. Im Frühjahr wird sie ohnehin wieder eingefordert.