Warum man anderswo im Herbst auf Laubjagd geht
Wer im November nach Kyoto reist, erlebt ein Schauspiel, das man so schnell nicht vergisst. Ganze Hänge leuchten in Rot, Orange und Gold, Tempelgärten sehen aus, als hätte jemand sie frisch angemalt, und unter den Bäumen sitzen Menschen, die nichts anderes tun, als zu schauen. In Japan hat dieser Brauch einen eigenen Namen: Momijigari, wörtlich die „Jagd nach rotem Laub“.
Gejagt wird dabei natürlich nichts. Man geht hinaus, um die Ahornblätter in ihrer schönsten Färbung zu sehen. Was für europäische Ohren vielleicht nach einem gewöhnlichen Herbstspaziergang klingt, ist in Japan ein fester Termin im Jahreslauf, ähnlich wie das berühmte Kirschblütenfest im Frühling.
Ein Fest der Vergänglichkeit
Die Tradition reicht weit zurück. Schon am Kaiserhof der Heian-Zeit, vor mehr als tausend Jahren, zogen Adlige in die Berge, um das Herbstlaub zu bewundern, Gedichte zu schreiben und Musik zu spielen. Später übernahmen auch einfache Leute den Brauch. Heute melden Wetterdienste und Zeitungen sogar, wo das Laub gerade am schönsten ist, und die sogenannte Laubfront wandert von Norden nach Süden über das Land.
Hinter dem Brauch steht ein Gedanke, der in der japanischen Kultur tief verwurzelt ist: Schönheit ist besonders wertvoll, weil sie vergeht. Die roten Blätter halten nur wenige Wochen, dann fallen sie. Genau deshalb nimmt man sich Zeit, sie bewusst anzusehen, statt achtlos daran vorbeizulaufen.
Bento, Tee und ganze Familien
Momijigari ist oft ein Familienausflug. Großeltern, Eltern und Kinder packen Bento-Boxen mit Reis, Gemüse und Fisch ein, dazu eine Thermoskanne mit grünem Tee. Man sucht sich einen Platz in einem Park, an einem Tempel oder am Ufer eines Sees und breitet eine Decke aus. Viele Tempel beleuchten ihre Gärten abends sanft, sodass die Blätter im Dunkeln fast zu glühen scheinen.
Dazu gibt es typische Herbstleckereien. In manchen Regionen frittiert man sogar Ahornblätter in süßem Teig, eine knusprige Spezialität, die vor allem Kinder begeistert.
Was wir davon lernen können
Auch bei uns färben sich im Oktober die Wälder, und doch nehmen wir uns selten bewusst Zeit dafür. Momijigari erinnert daran, dass man für das Schöne nicht weit reisen muss. Ein Nachmittag im Park, eine Decke, eine Kanne Tee und ein wenig Aufmerksamkeit genügen.
Vielleicht ist das die schönste Lehre dieses Brauchs: Der Herbst ist nicht nur das Ende des Sommers, sondern eine eigene, leuchtende Jahreszeit, die es verdient, gefeiert zu werden.