October 26, 2026

Postaday

Tagesnotizen und Schmankerl auf dem Weg

Warum man anderswo im November den Tisch für die Toten deckt

Ein Essay über den mexikanischen Día de los Muertos: Gabentische mit Fotos und Lieblingsspeisen, orange Blumen und ein Erinnern mit einem Lächeln.
Comic-Illustration: fröhliche mexikanische Familie schmückt einen bunten Gabentisch mit orangen Studentenblumen, Kerzen, Fotos und verzierten Zuckerschädeln

Wenn bei uns Anfang November eher stille Tage anstehen, wird es in Mexiko bunt, laut und herzlich. Überall leuchten orangefarbene Blumen, auf Märkten stapeln sich Zuckerschädel und süßes Brot, und in den Wohnzimmern entstehen kleine Altäre voller Fotos, Kerzen und Lieblingsspeisen. Der Día de los Muertos, der Tag der Toten, wird am 1. und 2. November gefeiert. Für viele Besucher aus Europa ist es überraschend, wie fröhlich dieses Fest wirkt.

Ein Tisch für die Verstorbenen

Im Mittelpunkt steht die Ofrenda, ein Gabentisch, den Familien zu Hause aufbauen. Darauf kommen Fotos der verstorbenen Großeltern, Eltern oder Freunde, dazu Dinge, die sie im Leben gern hatten: eine Tasse Kaffee, Tamales, Schokolade, vielleicht ein Glas Tequila oder die Lieblingszigaretten des Onkels. Die Idee dahinter ist schön und einfach. Man glaubt, dass die Seelen in diesen Tagen zu Besuch kommen. Und wer Besuch erwartet, deckt den Tisch.

Die leuchtend orangen Studentenblumen, Cempasúchil genannt, spielen dabei eine wichtige Rolle. Ihre Farbe und ihr kräftiger Duft sollen den Verstorbenen den Weg nach Hause zeigen. Oft streut man ihre Blütenblätter wie einen Pfad von der Haustür bis zum Altar.

Erinnern mit einem Lächeln

Was das Fest so besonders macht, ist der Ton. Man trauert nicht still, sondern erzählt Geschichten. Am Gabentisch hört man Sätze wie „Weißt du noch, wie die Oma immer zu viel Chili genommen hat?“ und alle lachen. Auf den Friedhöfen sitzen Familien bis in die Nacht an den geschmückten Gräbern, essen zusammen, hören Musik und plaudern mit Nachbarn. Kinder rennen zwischen den Kerzen umher, und niemand empfindet das als unpassend.

Auch die berühmten Calaveras, die bunt verzierten Totenköpfe aus Zucker oder Ton, sind eher verspielt als unheimlich. Sie tragen breite Lächeln, Blumen und manchmal den Namen eines lebenden Freundes, dem man sie augenzwinkernd schenkt. Dazu gibt es das Pan de Muerto, ein weiches, leicht nach Orangenblüte duftendes Hefebrot.

Was man davon mitnehmen kann

Natürlich lässt sich ein solcher Brauch nicht einfach in eine andere Kultur verpflanzen. Aber ein Gedanke reist gut mit: Erinnerung muss nicht nur schwer sein. Man kann an die Menschen, die fehlen, auch mit ihrem Lieblingsessen, ihren Witzen und ihrer Musik denken. Vielleicht stellt man an einem Novemberabend einfach ein Foto auf den Tisch, kocht das Rezept der Großmutter und erzählt dabei die alten Geschichten. In Mexiko würde man sagen: Dann ist sie für einen Abend wieder mit dabei.