November 2, 2026

Postaday

Tagesnotizen und Schmankerl auf dem Weg

Der Handschuh, der immer allein zurückkommt

Ein Essay über verlorene Handschuhe: die Suche in allen Taschen, die Schublade der Einzelgänger und fremde Fäustlinge auf Zaunpfählen.
Comic-Illustration: lächelnde Frau im Herbstmantel hält einen roten Fäustling hoch, der zweite liegt auf einem Zaunpfosten

Jeden Herbst beginnt es von Neuem. Man zieht morgens die Handschuhe aus der Jackentasche, freut sich über die warmen Finger und stellt am Abend fest, dass nur noch einer da ist. Der andere ist verschwunden, irgendwo zwischen Bäckerei, Bushaltestelle und Büro. Kaum ein Gegenstand des Alltags hat ein so ausgeprägtes Talent zum Verschwinden wie der einzelne Handschuh.

Die Suche beginnt

Natürlich sucht man zuerst in allen Taschen, auch in denen, in die man nie etwas steckt. Dann im Flur, unter der Schuhbank, im Auto und zwischen den Sofakissen. Man geht den Tag in Gedanken noch einmal durch und stellt erstaunt fest, wie viele Orte man besucht hat, ohne es zu merken. Manchmal taucht der Handschuh am nächsten Morgen wieder auf, ordentlich auf einen Zaunpfahl gesteckt oder auf eine Fensterbank gelegt. Irgendein freundlicher Mensch hat ihn gefunden und so platziert, dass man ihn sehen kann. Diese stillen Gesten gehören zu den schönsten Seiten des Winters in der Stadt.

Die Schublade der Einzelgänger

In vielen Haushalten gibt es eine Schublade oder einen Korb, in dem die übrig gebliebenen Handschuhe wohnen. Ein roter Fäustling ohne Partner, ein grauer Fingerhandschuh, ein Kinderhandschuh mit Schneeflocken. Man bringt es nicht übers Herz, sie wegzuwerfen, denn vielleicht kommt der andere ja doch zurück. Manchmal kombiniert man zwei Einzelgänger zu einem neuen Paar, das zwar nicht zusammenpasst, aber erstaunlich gut wärmt. Kinder finden solche Paare übrigens großartig und tragen sie mit Stolz.

Kleine Tricks gegen das Verschwinden

Großeltern hatten eine einfache Lösung: eine Schnur, die beide Handschuhe durch die Jackenärmel verbindet. Was bei Kindern funktioniert, wirkt bei Erwachsenen etwas seltsam, also greift man zu anderen Methoden. Manche stecken die Handschuhe grundsätzlich in dieselbe Tasche, andere klemmen sie an einen Karabiner an der Tasche. Und wieder andere geben auf und kaufen sich jedes Jahr ein neues, günstiges Paar, wohl wissend, dass es den Frühling nicht vollständig erleben wird.

Was der einzelne Handschuh lehrt

Vielleicht ist der verlorene Handschuh eine kleine Erinnerung daran, dass man nicht alles festhalten kann. Der Alltag ist voller winziger Verluste, die man verschmerzt, und voller kleiner Funde, die einen überraschen. Wer einmal einen fremden Handschuh auf eine Mauer gelegt hat, weiß, wie gut sich diese winzige Hilfsbereitschaft anfühlt. Und wer seinen eigenen dort wiederfindet, geht mit einem Lächeln weiter.

In diesem Sinne: Schauen Sie heute ruhig einmal in Ihre Handschuhschublade. Vielleicht wartet dort ein Einzelgänger darauf, endlich wieder gebraucht zu werden, notfalls mit einem bunten neuen Partner an der anderen Hand.