Der Kaffee, der beim Telefonieren kalt wird
Es beginnt immer gleich. Man kocht sich einen Kaffee, stellt den Becher auf den Tisch, setzt sich hin und freut sich auf den ersten Schluck. Dann klingelt das Telefon. Die Schwester ist dran, oder eine alte Freundin, oder jemand vom Amt, der nur kurz etwas klären will. Man nimmt ab, und während man redet, steigt der Dampf aus dem Becher noch eine Weile in die Luft, wird dünner und hört schließlich ganz auf. Wenn man auflegt, ist der Kaffee kalt.
Ein Ärgernis, das man immer wieder vergisst
Eigentlich müsste man es inzwischen wissen. Es passiert ja nicht zum ersten Mal. Trotzdem schaut man jedes Mal überrascht in den Becher, als hätte jemand heimlich die Temperatur gestohlen. Man trinkt einen Schluck, verzieht das Gesicht und überlegt, ob man ihn in die Mikrowelle stellt. Meistens tut man es, und meistens vergisst man ihn dort dann auch noch einmal.
Was der kalte Kaffee eigentlich erzählt
Dabei ist der kalte Kaffee ein ziemlich gutes Zeichen. Er bedeutet, dass das Gespräch wichtiger war als das Getränk. Dass man so bei der Sache war, dass man nicht mehr an den Becher gedacht hat. Wer je mit einer Freundin telefoniert hat, die man lange nicht gesprochen hat, kennt dieses Gefühl: Man lacht, man erzählt, man hört zu, und die Zeit verschwindet einfach. Der Kaffee ist dabei nur der stille Zeuge, der beweist, dass es eine gute halbe Stunde war.
Die kleine Kunst, Prioritäten zu setzen
Im Alltag versuchen wir oft, alles gleichzeitig zu genießen. Wir wollen den heißen Kaffee, das gute Gespräch, den Blick aus dem Fenster und am besten noch die Nachrichten auf dem Handy. Das funktioniert selten. Der kalte Kaffee erinnert uns freundlich daran, dass Aufmerksamkeit begrenzt ist. Man kann sich nur wirklich einer Sache widmen, und manchmal ist es eben die Stimme am anderen Ende der Leitung.
Ein Plädoyer für den zweiten Becher
Vielleicht ist die beste Lösung gar nicht, schneller zu trinken oder das Telefon auszuschalten. Vielleicht ist die beste Lösung, einfach einen zweiten Kaffee zu kochen. Ohne schlechtes Gewissen, ohne Seufzen. Der erste Becher hat seine Aufgabe erfüllt: Er hat ein Gespräch begleitet. Der zweite gehört dann ganz einem selbst. Man setzt sich wieder hin, wärmt die Hände am Porzellan und denkt noch ein wenig über das nach, was man gerade gehört hat.
Und wenn das Telefon dann wieder klingelt? Dann weiß man ja, was passieren wird. Man lächelt, nimmt ab und lässt den Kaffee eben noch einmal kalt werden. Es gibt schlimmere Dinge an einem Mittwochvormittag.